Ihre Schwäche ist unsere Stärke: In der Pflege fehlen Fachkräfte

Die Pflegebranche sucht händeringend Fachkräfte. Mittlerweile nimmt der Mangel dramatische Züge an. Aufgrund der demografischen Entwicklung wird sich diese Tendenz allerdings in den nächsten Jahren noch verschärfen. Allein im Bezirk der Agentur für Arbeit Hannover gibt es derzeit 400 offene Stellen, die nur schwer besetzt werden könnten. Vor einem Jahr waren es noch 200 Stellen. Neben Alten- und Pflegeassistenten würden vor allem examinierte Alten- und Krankenpflegekräfte fehlen.

Bundesweite Tendenz

Der Fachkräftemangel ist kein lokales Problem, sondern deckt sich mit der bundesweiten Entwicklung. Immer weniger Auszubildende im Bereich Altenpflege stehen einem sprunghaft wachsenden Bedarf gegenüber. Beispiel Nordrhein-Westfalen: Waren hier 2002 noch knapp über 12.000 Auszubildende in der Altenpflege gemeldet, waren es 2008 nur noch 9.955.

Unattraktiv

Der „Zukunftsmarkt Pflege“ hat längst an Attraktivität verloren. Mittlerweile hat sich herum gesprochen, dass die Arbeitsbedingungen in der Branche alles andere als rosig sind: hohe Arbeitsdichte, enorme physische und psychische Dauerbelastung, hoher Krankenstand, zwangsläufige Entwicklung von Berufskrankheiten (v.a. Rückenleiden), Burn-out, unbezahlte Überstunden, Abruf in der Freizeit, geringe Bezahlung bis hin zu Dumpinglöhnen.

Image aufpoliert

In ihrer Verzweiflung haben sich Pflegeeinrichtungen nun an die Arbeitsagenturen gewandt, um dem Negativtrend entgegen zu wirken. Mit viel Tam-Tam wirbt die Branche auf so genannten Pflegebörsen um Arbeitskräfte, wie zuletzt in Hannover am 23. September 2009 im Berufsinformationszentrum (BiZ) in der Escherstraße 17. Organisiert wurde die Börse gemeinsam von der Arbeitsagentur Hannover und dem JobCenter Region Hannover. 36 Aussteller, darunter Betriebe, Institutionen, Leiharbeitsunternehmen sowie Aus- und Weiterbildungseinrichtungen, haben sich daran beteiligt. Die Zielgruppe bildeten erklärtermaßen nicht nur junge Leute in der Berufsfindung, sondern auch BerufswiedereinsteigerInnen und ältere Langzeiterwerbslose. Denn nach Angaben von Sabine Gräßler-Zorn, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt bei der Agentur für Arbeit, gegenüber der hannoverschen Wochenzeitung „hallo Sonntag“(1) hätten besonders QuereinsteigerInnen gute Chancen. Die hohe Nachfrage nach examinierten Pflegekräften reiche bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken.

Anerkenntnis prekärer Bedindungen

Doch was eigentlich der Aufwertung und Bewerbung dienen sollte, geriet schon im Vorfeld zur Anerkenntnis branchenspezifischer Probleme – vermutlich unfreiwillig. Da Beschäftigte in der Alten- und Krankenpflege hohen körperlichen und psychischen Belastungen ausgesetzt seien, komme nicht jede/r BewerberIn in Frage: „Bevor sich die Bewerber in einer Weiterbildung qualifizieren, müssen sie sich einer hausinternen psychologischen Eignungsuntersuchung unterziehen“, so Gräßler-Zorn gegenüber „hallo Sonntag“. Und zur Frage des zu erwartenden Einkommensniveaus teilte sie der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung mit: „Das Berufsfeld Pflege ist gut geeignet, um aus der Grauzone der 400-Euro-Jobs herauszukommen“.(2) – Dem ist eigentlich nur hinzuzufügen: Allerdings auch nicht, um prekärer Beschäftigung und geringer Entlohnung zu entkommen!

Chancen nutzen

Für die Beschäftigten in der Pflege bietet die derzeitige Situation gute Chancen. Denn ein Mangel an Arbeitskräften bedeutet zugleich eine Schwäche der Verhandlungsposition der Arbeitgeber. Allerdings nur, wenn ihnen die Beschäftigten gemeinsam und organisiert gegenüber treten – nicht zahnlos wie die zentralistischen Gewerkschaften, sondern kämpferisch, etwa wie die GGB. Es ist an der Zeit, diese Chance zu nutzen!

Nandor Pouget

Anmerkungen
(1) hallo Sonntag, 20.9.2009
(2) HAZ, 21.9.2009