Nicht für einen Hungerlohn! Zur Situation der Hebammen

Zur Situation der Hebammen

2009 ging deutschlandweit ein ganzer Berufsstand auf die Straße: die Hebammen. Zuerst am Internationalen Hebammentag, dem 5. Mai; im Herbst folgte dann die Fortsetzung. Mit ihren Aktionen machten sie auf den Zusammenhang zunehmend schlechterer Einkommenssituation und drohenden Versorgungsengpässen aufmerksam. Das Fass zum Überlaufen gebracht hatte die Ankündigung drastisch steigender Beiträge zur Berufshaftpflichtversicherung im Folgejahr.

Versorgungsauftrag in Gefahr

Die immer stärker klaffende Einkommens- und Ausgabenschere hatte bereits dazu geführt, dass sich immer mehr Hebammen aus der außerklinischen Geburtshilfe und Wochenbettbetreuung verabschiedet hatten. Gerade in strukturschwachen Gegenden, im ländlichen Raum, geriet so das Recht von Frauen auf freie Wahl des Geburtsortes und wohnortnahe Hebammenbetreuung zunehmend in Gefahr. Deshalb forderten die Hebammen endlich die Schaffung von Rahmenbedingungen, um ihren Versorgungsauftrag vom Beginn der Schwangerschaft bis zum Ende der Stillzeit weiter garantieren zu können.[1]

Ausgabenexplosion

Seit 2007 wird die Vergütung der Hebammen zwischen den Krankenkassen und den beiden Berufsverbänden, dem Deutschen Hebammenverband e.V. (DHV) und dem Bund freiberuflicher Hebammen Deutschlands (BfHD), ausgehandelt. Während hierbei kaum Zuwächse zu verbuchen waren, galoppierten den Hebammen die Kosten davon. Auf der Ausgabenseite kommen neben den Unterhaltskosten für die eigene Praxis noch Steuern, Beiträge zur Renten- und Krankenversicherung sowie Berufsgenossenschaft hinzu. Besonders zu schaffen machen den freiberuflichen Hebammen allerdings die Prämien der Berufshaftpflicht. Vom 1. Juli 2010 an erhöhte sich die Summe für die Haftpflichtversicherung noch mal drastisch auf 3.689 Euro im Jahr. 2009 waren es noch 2.370 Euro, 2003 1.352 Euro, 1992 umgerechnet 179 Euro, 1990 weniger als 100 Euro. Zum 1. Juli 2012 kletterte die Prämie sogar noch um weitere 15 Prozent auf nun 4.242 Euro. Hebammenverbände und Krankenkassen konnten sich 2010 und 2012 auf Vergütungsaufschläge einigen, die diese Mehrbelastungen zumindest etwas abfederten.

Grund der sprunghaften Anhebung ist nicht etwa die verhältnismäßige Zunahme von Schadensfällen, sondern die Höhe der Schadenssummen, die von den Versicherungen zu zahlen sind. Neben dem Schmerzensgeld umfassen diese mutmaßliche Verdienstausfälle und lebenslange Betreuungsleistungen. Die Schadensersatzforderungen bei Kunstfehlern haben sich inzwischen US-amerikanischen Verhältnissen angeglichen. Hinzu kommt die gestiegene Bereitschaft der Krankenkassen der geschädigten Kinder, die Versicherungen der Hebammen in Regress zu nehmen.

Die Haftpflichtversicherung für Hebammen, die nicht in der Geburtshilfe aktiv sind, blieb demgegenüber lange im unteren dreistelligen Bereich stabil. Bis zur Erhöhung vom Juli 2012. Weshalb von Hebammenverbänden und GKV-SV als Ausgleich auch hier eine Anhebung von Vergütungspositionen vereinbart wurde.

Andere, die sich trotz sprunghaft gestiegener Ausgaben nicht aus der Geburtshilfe zurückziehen wollten, sahen sich gezwungen, den zu betreuenden Frauen Rufbereitschaftspauschalen in Rechnung zu stellen. In bis zu dreistelliger Höhe. Die möglichen Folgen: Hausgeburten werden zum Luxusgut, den sich zunehmend nur noch besser Betuchte werden leisten können.

Das Problem der Versicherungsbeiträge betrifft am Ende jedoch freiberufliche und angestellte Hebammen gleichermaßen. Auch Angestellte müssen von ihrem Gehalt eine eigene Haftpflichtversicherung abschließen, weil Klinikträger zu niedrige Deckungssummen versichern. Durch den grassierenden Personalabbau in Kliniken steigt das Haftungsrisiko, weil Hebammen mehrere Geburten gleichzeitig betreuen müssen. Ein Teufelskreis – für die Angestellten.

Prekär

Der Beruf der Hebamme wurde seit seiner frühesten Erwähnung in den geschichtlichen Überlieferungen von Frauen ausgeübt – und ist bis heute überwiegend ein Frauenberuf geblieben. Die vergleichsweise sehr wenigen praktizierenden Entbindungspfleger haben an diesem Bild nicht sehr viel verändert.

Circa 18.000 Hebammen und Entbindungspfleger sind in Deutschland tätig. Laut Erhebungen des Statistischen Bundesamtes arbeiteten 2010 10.500 von ihnen in Kliniken, 8.500 davon wiederum festangestellt.[2] Innerhalb der letzten 20 Jahre habe sich die Zahl der fest angestellten Hebammen in Krankenhäusern demnach zwar um 28,2 Prozent erhöht. Allerdings sei dabei der Anteil der teilzeit- oder geringfügig beschäftigten Hebammen von 28,9 Prozent im Jahr 1991 auf 71,7 Prozent im Jahr 2010 gestiegen. Die Differenz zwischen den angestellten Hebammen und Entbindungspflegern und denen, die im klinischen Bereich insgesamt arbeiten, bildet die Gruppe der rund 2.000 Beleghebammen und –entbindungspfleger. Hierhin geht auch mittlerweile der allgemeine Trend: (Ehemals angestellte) Hebammen arbeiten zunehmend freiberuflich im sogenannten Belegsystem auf eigene Rechnung in den Kliniken.

In Niedersachsen waren laut Statistischem Landesamt vor drei Jahren 746 Hebammen in Kliniken festangestellt, 531 davon in Teilzeit (die Zahl der freiberuflichen wird amtlich nicht erfasst).[3] Nach Angaben von Ursula Fietz, Vorsitzende des Hebammenverbandes Niedersachsen e.V., sind in 2011 etwa die Hälfte der landesweit 1.800 Hebammen freiberuflich tätig gewesen. Nur noch knapp jede dritte Hebamme arbeite in Vollzeit als Geburtshelferin, so Fietz.

Im Niedriglohnsegment

Dass dieser gesellschaftlich sehr angesehene Beruf im Niedriglohnsegment angesiedelt ist, war dank der Proteste in den letzten drei Jahren in die bundesweite Öffentlichkeit vorgedrungen: Die Hebammenverbände hatten den Stundenlohn der Freiberuflichen mit durchschnittlich 7,50 Euro pro Stunde beziffert. Die Präsidentin des Deutschen Hebammenverbandes e.V. (DHV), Martina Klenk, dazu: „Von diesem Hungerlohn kann keine Hebamme leben.“ Ihre Warnung kam nicht von ungefähr: Bereits drei Viertel aller Hebammen hatte sich aus der aktiven Geburtsbetreuung zurückgezogen. In ihren Leistungskatalogen wurden nur noch Nachsorgen und Vorbereitungskurse angeboten. – Hebammen, die keine Entbindungen mehr durchführen? Eine Tätigkeit, die eigentlich der Mittelpunkt ihres Berufes ist? Ein Paradoxon! Aber seit Jahren Realität. Manche hängen den Beruf sogar ganz an den Nagel.

Hebammen werden nach festen Pauschalen bzw. nach angefangenen Zeiteinheiten vergütet. An und für sich ist der tatsächliche Arbeitsaufwand so jedoch kaum zu erfassen – Geburten dauern bekanntlich unterschiedlich lang. Und die gerade in einer Leistungsgesellschaft immer wichtiger gewordene psychosoziale Komponente der Hebammenarbeit findet darin nur wenig Ausdruck. Hinzu kommt noch das nicht immer zu kalkulierende Risiko von Verdienstausfällen: Wenn geplante Hausgeburten, etwa aus medizinischen Gründen oder weil Frauen abspringen, nicht als solche beendet werden können, sondern im Krankenhaus erfolgen, erhalten die Hebammen entsprechend weniger von den Kassen.[4]

Fulltime-Job

Der Arbeitsalltag freiberuflicher Hebammen ist hart: Oft selbst in der Mutterrolle, erweisen sie der Gesellschaft einen enormen Dienst. Nur wird er nicht gebührend honoriert, sodass sie wirklich davon leben könnten. Ihre beruflichen Anforderungen gehen zu Lasten der eigenen Familie. Schon am Vormittag sind mehrere Hausbesuche zu absolvieren, am Abend desgleichen. In strukturschwachen Gegenden kommen die weiten Anfahrtswege hinzu. Darüber hinaus geben sie an mehreren Abenden die Woche Geburtsvorbereitungs- oder Rückbildungskurse. Zudem leisten sie In den Wochen vor und nach jedem Geburtstermin Rufbereitschaft in Permanenz, rund um die Uhr, auch nachts. Üben sie ihre Tätigkeit als Ganztagsberuf aus, lässt er kaum so etwas wie Freizeit und Privatleben zu. Eine voll berufstätige Hebamme arbeitet zwischen 50 und 60 Stunden die Woche, die Rufbereitschaft nicht eingerechnet.

Für ihre Würde

Ihre zunehmend existenzbedrohende Situation brachte die Hebammen nicht nur 2009, sondern auch in all den Folgejahren immer wieder auf die Straße. Ein ganzer Berufsstand fühlte sich grundsätzlich in Frage gestellt. Und ihre Aktionen wurden nun von einem breiten Medienecho begleitet. Die Hebammen ohne Lobby hatten zumindest die Sympathien der Bevölkerung gefunden. Nicht zuletzt Ausdruck davon: Schon 2009 hatten sie 60.000 Unterschriften für ihr Anliegen sammeln und dem Bundesgesundheitsministerium übergeben können. Doch 2010 starteten sie eine öffentliche Petition, die innerhalb kürzester Zeit von rund 105.000 Menschen online, fast weiteren 81.000 schriftlich unterzeichnet wurde. Mit 186.000 Unterzeichner/-innen wurde sie zur am meisten unterstützten Petition seit Jahren.

Die Aufmerksamkeit wussten sie jedoch mit Flashmobs, Mahnwachen, Kundgebungen und Demonstrationen in den letzten drei Jahren auf sich zu ziehen – bundesweit, und immer wieder auflebend. Insbesondere die jeweils zweitägigen Streiks der Hebammen in mehreren Bundesländern sorgten 2010 und 2011 für Furore. Sie wurden sozial geführt; die Hebammen ließen an diesen Tagen lediglich die Vor- und Nachsorge sowie die Kursangebote ausfallen. Die Geburtshilfe selbst sowie Notfälle waren vom Streik ausgeschlossen. Die Forderung: Um auf eine 40-Stunden-Woche zu kommen, muss die Einnahmeseite steigen. Und das heißt: Für jede Leistung 20 bis 30 Prozent mehr Geld. Darauf, dass Politik und Kassen mauern, können die Hebammen deshalb eigentlich nur eine Antwort geben: Weiterkämpfen! Für ein Auskommen, von dem sie leben können, für ihre Würde.

Frank Matz

Anmerkungen

[1] Jede Geburt muss von einer Hebamme oder einem Entbindungspfleger vorgenommen werden, im klinischen und außerklinischen Bereich. Ausgenommen sind lediglich Notfälle. Ärzte/-innen sind verpflichtet, eine Hebamme oder einen Entbindungspfleger zu jeder Geburt hinzuziehen, während Hebammen auch ohne ärztlichen Beistand Entbindungen vornehmen dürfen.

[2] Angestellte Hebammen in Kliniken werden auf ähnlichem Niveau wie Gesundheits- und Krankenpflegerinnen bezahlt. Insofern Tarifverträge gelten, ist ihre Vergütung dort geregelt. Wie aus den Zahlen des Statistischen Bundesamtes ersichtlich, grassieren auch in diesem Segment des Gesundheitswesens sog. „geringfügige Beschäftigungsverhältnisse“, auch „Minijobs“ oder „400-Euro-Jobs“ genannt (seit dem 1.1.2013 „450-Euro-Jobs“).

[3] Daten für Niedersachsen nach HAZ, 1.10.2010.

[4] Natürliche Geburten in Geburtshäusern und Hausgeburten stehen denen im Krankenhaus und per Kaiserschnitt gegenüber. Etwa 10.000 Kinder werden jährlich außerklinisch in Geburtshäusern oder zu Hause geboren. Laut Statistischem Bundesamt kamen 2010 insgesamt rund 678.000 Kinder zur Welt. In Deutschland wird mittlerweile jedes dritte Kind per Kaiserschnitt geholt, Tendenz steigend. Vor zwanzig Jahren war ihre Rate nur halb so hoch. Wissenschaftler/-innen machen dafür nicht allein die wachsende Zahl von medizinisch nicht notwendigen Wunsch-Kaiserschnitten, sondern insbesondere auch Haftungsfragen verantwortlich. Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation (WHO) könnten 80 Prozent aller Geburten durchaus natürlich verlaufen. Zum Teil sind die Entwicklungen aber auch Ausdruck eines gewandelten Zeitgeistes, einer Verschiebung der Wahrnehmung der Geburt als natürlichem, gesunden Vorgang hin zum riskanten medizinischen Prozess. Kritiker/-innen bezeichnen bestimmte Entwicklungen im Gesundheitssystem nicht grundlos als „Verschwendung an Gesunde“.

 

Hebammen: Gesetze und Verträge

Gesetz über den Beruf der Hebamme und des Entbindungspflegers („Hebammengesetz“)

Hebammenverträge betreffend Versorgung und Vergütung