Pfeifen auf dem letzten Loch?

Zur Situation der Zahntechniker/-innen

Die Zahntechnikerbranche befindet sich seit Jahren im Umbruch. Im Zuge des freien Waren- und Dienstleistungsverkehrs setzte ein erbitterter Verdrängungswettbewerb ein. Die oft kleinen und mittleren Betriebe konkurrieren mit Anbietern aus Osteuropa und Fernost. Dentallabore, die in China produzieren lassen, Kunden/-innen, die wegen Zahnersatzes lieber ins benachbarte Ausland switchen? – Keine Ausnahmeerscheinung; wohl eher normale „Segnungen des Kapitalismus“. Viele Betriebe sind dabei auf der Strecke geblieben.

Medizinisches Handwerk

Der Beruf des/-r Zahntechnikers/-in gehört zur Gruppe der medizinischen Berufe. Zahntechniker/-innen fertigen und reparieren festsitzenden Zahnersatz wie Zahnkronen, Brücken, Inlays oder auch herausnehmbare Teil- und Vollprothesen sowie und kieferorthopädische Behandlungsgeräte, beispielsweise Zahnspangen. Hauptsächlich arbeiten sie in gewerblichen Dentallaboren, aber auch in Laboren zahnärztlicher Praxen und in Zahnkliniken. Die Ausbildungsdauer des Handwerksberufs beträgt dreieinhalb Jahre und erfolgt dual im Meisterbetrieb und in der Berufsschule. Danach spezialisieren sich Zahntechniker/-innen vor allem auf unterschiedliche Verarbeitungstechniken und Materialien, in den Bereichen Keramik-, Kunststoff-, Modellguss- und Brückentechnik sowie Edelmetallverarbeitung oder setzen ihren Schwerpunkt auf die Implantologie. Eine weitere Spezialisierungsmöglichkeit bietet die Fertigung von kieferorthopädischen Geräten bzw. Vorrichtungen oder auch von Gesichtsepithesen.[1] Doch das Berufsbild befindet sich im Wandel: Computergestützte Technologien[2] haben Einzug gehalten, bestimmen zunehmend den Alltag der zahntechnischen Betriebe.[3]

Gebeutelt

Die Zahl der zahntechnischen Betriebe ist in den vergangenen Jahren stetig geschrumpft. Lediglich die Zahl der Dentallabore schnellte zwischenzeitlich empor. Der Grund: Viele Zahntechniker-Meister/-innen hatten sich vor der Arbeitslosigkeit in die Selbständigkeit geflüchtet.

Eher forciert wird der Verdrängungsprozess durch staatliche Eingriffe in die Zahnersatzversorgung der Gesetzlichen Krankenversicherung (GKV). Sie zwingt die Zahntechnikerbetriebe dazu, immer billiger zu produzieren. Das geht nicht nur zu Lasten der Qualität, sondern auch der Beschäftigten.
Die Krise hat den Zweig nur zusätzlich getroffen: Die Kundenzurückhaltung bekamen die Betriebe deutlich zu spüren. Umsatzeinbrüche, Kurzarbeit, Betriebsschließungen waren die Folge. Allein in Niedersachsen hätte zwischen 2004 und 2009 jeder siebte Betrieb aufgeben müssen, so Lutz Wolf, Obermeister der Zahntechniker-Innung Niedersachsen-Bremen. Jeder vierte der 10.000 Arbeitsplätze aus dem Jahr 2004 wäre hier verloren gegangen.[4]

2011 waren laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) 45.937 Zahntechniker/-innen abhängig beschäftigt. Rund 5.000 weniger als 2002. 73,7 Prozent arbeiten demnach in gewerblichen Betrieben, 24,6 Prozent im Gesundheits- und Sozialwesen. Der Frauenanteil ist mit 57 Prozent leicht gestiegen, der Anteil der Teilzeitbeschäftigten mit Wochenarbeitszeiten von weniger als 18 Stunden auf aktuell 2,1 Prozent, mit 18 Stunden und mehr auf 9,0 Prozent.[5]

Die Arbeitsbedingungen

Die Arbeitsbedingungen für angestellte Zahntechniker/-innen sind hart, die Löhne häufig mäßig bis schlecht. Der Auftragsdruck bestimmt bei hoher Präzisionsanforderung den Alltag. Bei ihrer Arbeit sind sie ständig Dämpfen von Chemikalien, Rauch, Gasen und Schleifstaub ausgesetzt und arbeiten unter Lärm, z.B. von Fräs- und Schleifmaschinen.

Schon die Ausbildungsvergütung ist nicht gerade üppig. Es gibt zwar Empfehlungen der Zahntechniker-Landes-Innungen. Doch bleiben es eben auch nur Empfehlungen. In Niedersachsen-Bremen sollten Auszubildende (Azubis) theoretisch im 1. Lehrjahr 323 Euro, im 2. Lj. 435 Euro, im 3. Lj. 537 Euro und im 4. Lj. 614 Euro erhalten. Zum Vergleich: In Berlin-Brandenburg 320 Euro, 440 Euro, 560 Euro und 570 Euro. Und Süd-Bayern: 401 Euro, 430 Euro, 490 Euro und schließlich 550 Euro.[6] Azubis, etwa aus Mecklenburg-Vorpommern, berichten allerdings auch von Ausbildungsvergütungen, die nur bei 210 Euro im 1. Lehrjahr liegen, im vierten dann bei 350 Euro.[7]

Hier zeichnet sich bereits ab, was später zur Regel wird: Das Einkommen von Zahntechniker/-innen differenziert extrem stark. Es schwankt je nach Geschlecht, Erfahrung, Alter und persönlicher Qualifikation sowie Betriebszugehörigkeit und Region. Ein/-e Zahntechniker/-in etwa, der/die herkömmliche Kunststoffarbeiten verrichtet oder in der Arbeitsvorbereitung tätig ist, hat am Ende des Monats weniger in der Tasche als Kollegen/-innen, die auf Implantatprothetik und digitale Techniken spezialisiert sind. Tarifliche Vereinbarungen existieren in der Branche nicht. Die Verdienste werden individuell ausgehandelt. Sie liegen häufig im Bereich zwischen 1.200 und 2.500 Euro brutto.

Hinzu kommen die allgemein-unsäglichen Entwicklungen, die die Zahntechnikerbranche im gewerblich-technischen Bereich nicht weniger betreffen: Leiharbeit, geringfügige Beschäftigung (sog. 450-Euro-Jobs), Befristung von Arbeitsverhältnissen.

Der Sittenverfall zeigt sich aber auch in anderer Form: Zahnarztpraxen stellen Zahntechniker/-innen mitunter unter der Bedingung ein, dass sie nicht für ein fixes Gehalt arbeiten, sondern auf Umsatz. Sie erhalten dann lediglich ein Grundgehalt, die Variable ist abhängig vom individuell erwirtschafteten Umsatz. Wie hoch der sein muss, um Aufschläge, quasi eine Art „Gewinnbeteiligung“, zu erhalten, wird vertraglich vereinbart. Überstunden werden so per se einkalkuliert. Wochenarbeitszeiten von 40 Stunden? – Pustekuchen! Das unternehmerische Risiko wird derart auf die Beschäftigten abgewälzt. Haben diese gar Urlaub oder sind krank, kommt schließlich nichts rein. Zwei- bis dreifache Sätze des Gehalts sind bei diesem Modell üblich, manche Praxen verlangen sogar, dass die Zahntechniker/-innen das Vierfache ihres Einkommens an Umsatz einspielen müssen. – Arbeiten wie am Fließband!

Lediglich die wenigen Zahntechniker/-innen und Zahntechnikermeister/-innen, die in Betrieben des Öffentlichen Dienstes tätig sind, unterliegen Tarifverträgen. Im Tarifvertrag der Länder (TV-L) sind sie – je nach Tätigkeit – der Entgeltgruppe (EG) 8 und 9 zugeordnet, Leitende Meister EG 10, weniger qualifizierte Zahntechniker/-innen EG 6.

Allgemein purzelnde Reallöhne…

In einem Einkommensreport hatte der „stern“ in seiner Ausgabe vom 7. Januar 2010 einen Einkommensvergleich zwischen 1990 und 2008 für 100 Berufe angestellt. Die Erhebung war vom Hamburger Institut Statista auf der Grundlage von Daten des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung, der Hans-Böckler-Stiftung und des Statistischen Bundesamtes realisiert worden. Demnach sind die Reallöhne bei angestellten Zahntechnikern/-innen zwischen 1990 und 2008 um 32 Prozent gesunken. Mit 1.930 Euro lag der Monatsverdienst im Jahr 2008 sogar um 10 Euro niedriger als 1990.

Der Verband Deutscher Zahntechniker-Innungen (VDZI) sah in dem Report die Bestätigung eigener jährlicher Erhebungen. Der VDZI hatte für das Jahr 2008 einen durchschnittlichen Bruttomonatsverdienst von 1.981 Euro ermittelt. Eingedenk der Geldentwertung und praktischer Halbierung von Urlaubs- und Weihnachtsgeld kam der Verband mit seinen Berechnungen ebenfalls auf mehr als 30 Prozent Reallohnverlust bei den angestellten Zahntechniker/-innen.[8]

VDZI-Generalsekretär Walter Winkler machte dafür die „staatlichen Eingriffe in die Zahnersatzversorgung der GKV mit gesetzlichen Preisabsenkungen, Preismoratorien und einer seit 1993 rigiden Anbindung der zahntechnischen Preisentwicklung an branchenfremde Vorgaben“ verantwortlich. So lägen die zahntechnischen Preise in der GKV kaum höher als im Jahr 1992. „Vor diesem Hintergrund ist es dem Handwerk wirtschaftlich gar nicht möglich gewesen, realwertorientierte Lohnanpassungen zu bewältigen“, so Winkler. Der Verband beklagte, dass es vor diesem Hintergrund für die Betriebe immer schwieriger werde, dringend erforderliche, qualifizierte Fachkräfte zu halten und Auszubildende für diesen Beruf zu gewinnen.[9] Mittlerweile zeichnet sich auch in der Zahntechniker-Branche der allgemein beklagte Fachkräftemangel ab.

…auch in zahntechnischen Laboratorien und Praxislaboren

Die 20. Lohnerhebung des Deutschen Zahntechniker-Verbandes e.V., die vom Verband medizinischer Fachberufe e.V. im vergangenen Jahr vorgelegt wurde, bestätigte diesen Abwärtstrend speziell für den Laborbereich. Hier sind die Reallöhne auch in den Jahren 2009 bis 2011 gesunken. Dem Bericht zufolge hätten sich die Bruttolöhne in zahntechnischen Laboren und Praxislaboren – ohne Weihnachts- und Urlaubsgeld sowie vermögenswirksame Leistungen – in dem Zeitraum um 2,8 Prozent erhöht. Bei den männlichen Angestellten seien sie um rund 0,2 Prozent gesunken, die Stundenlöhne allerdings um 1,8 Prozent gestiegen. Nicht so bei den weiblichen Beschäftigten: Hier seien die Bruttolöhne zwar um 9,5 Prozent gestiegen, die Stundenlöhne jedoch um 2,2 Prozent gesunken. Dem Bericht nach wären Zahntechniker 2011 im Monat mit durchschnittlich 2.796 Euro brutto nach Hause gegangen, Zahntechnikerinnen hingegen nur mit 1.946 Euro.

Abgefragt wurden auch die Arbeitszeiten: 64 Prozent kämen demnach auf eine 40-Stunden-Woche. Die Tendenz gehe jedoch Richtung Teilzeit: Der Anteil mit weniger als 35 Stunden hätte sich in den drei Jahren von acht auf 16 Prozent verdoppelt. Mehr als 73 Prozent der Befragten leisteten 2011 Überstunden oder Mehrarbeit, 44 Prozent davon ohne Freizeitausgleich oder finanziellen Obolus.

Ähnlich düster sehe es bei den Sonderzahlungen aus: Weihnachtsgeld erhielten nur knapp die Hälfte, Urlaubsgeld nur jede/-r Achte.[10]

Mut zur Lücke?

Die Zahntechnik-Branche ist, was die gewerkschaftliche Organisierung anbelangt, weitestgehend Wüste. Die Arbeitnehmervereinigung angestellter Zahntechniker/-innen, der Deutsche Zahntechniker-Verband e.V. (dzv), hatte zum 31. Dezember 2011 aufgegeben, seine Auflösung beschlossen. Nun strebt der Verband medizinischer Fachberufe e.V., in dem bisher nur Medizinische, Zahn- und Tiermedizinische Fachangestellte Mitglied waren, seit 2010 die Aufnahme angestellter Zahntechniker/-innen an. Margret Urban, Verbands-Tarifexpertin hierzu: „Sobald wir von dieser Berufsgruppe ausreichend Mitglieder im Rücken haben“, werde der Verband auch in diesem Zweig „Tarifverhandlungen führen“.[11]

Um Dinge grundlegend und direkt angehen zu können, bedarf es allerdings des Engagements der Betroffenen selbst. Spürbare Veränderungen können durchaus sofort beginnen, müssen nicht auf die lange Bank geschoben werden. Erste Pflänzchen der Selbstorganisierung keimen längst. Und zwar überall dort, wo sich Beschäftigte austauschen. In Foren beispielsweise. Diese Verbindungen auf Dauer anzulegen, auszubauen und zu intensivieren wäre ein erster Schritt in die richtige Richtung. Nur so wird man schnell raushaben, wo der Hebel anzusetzen ist.
Es ist an der Zeit, die gegenseitige Unterstützung zu organisieren.

Frank Matz

Anmerkungen

[1] Epithesen sind künstliche, dem ästhetischen Ausgleich von Körperdefekten dienende Nachbildungen aus körperfremden Materialien, etwa Glas, Porzellan, Gummi, Metall oder Kunststoff. Hauptanwendungsbereich ist das Gesicht: Auge, Nase, Ohr und Mund.

[2] CAD/ CAM-Technologien: Computer Aided Design/ Computer Aided Manufacturing; rechnerunterstütze dreidimensionale Planung und Fertigung von Zahnersatz.

[3] Was wiederum nicht gleichzusetzen ist mit standardisierter Produktion am Fließband. Jedes Produkt, das liegt in der Natur der Sache, bleibt ein Unikat, eine individuelle Sonderanfertigung im Sinne des Medizinproduktegesetzes (MPG).

[4] Zahlen für Niedersachsen nach HAZ, 29.5.2010.

[5] Vgl.: IAB-Statistik

[6] Vgl.: Quelle Niedersachsen-Bremen

Quelle Berlin-Brandenburg

Quelle Süd-Bayern

[7] Das deckt sich offenbar mit der Empfehlung der Innungskammer M-V.

[8] VDZI, Pressemeldung 01/2010, 28.01.2010. Vgl.: PM

[9] Quelle: wievor.

[10] Vgl. Verband medizinischer Fachberufe, Pressemeldung, 10.5.2012: PM

[11] Quelle: wievor.