Arbeitskampferfahrungen zusammenbringen

lhhIm März waren Mitglieder der FAU-Betriebsgruppe in der Lebenshilfe Frankfurt/Main in Hannover zu Gast

Arbeitskämpfe in der Behindertenhilfe? Nie gehört. Geht denn das? – Klar! Wenn man’s anpackt. Sich zusammensetzt, austauscht und mit Geduld organisiert. Über gangbare Wege diskutierten am 1. März im Pavillon mehr als 20 Kolleg_innen aus der Behindertenhilfe, der Sozialen Arbeit und der Pflege mit Mitgliedern der FAU-Betriebsgruppe in der Lebenshilfe Frankfurt/Main.

Foto: Jens Kammradt

Hierzu eingeladen hatte die Gewerkschaft Gesundheits- und Soziale Berufe (GGB), eine Branchenorganisation der FAU Hannover. Mitglieder hatten Betriebe der Lebenshilfe in Hannover und der Region aufgesucht, um Beschäftigte für die Veranstaltung zu interessieren. In der niedersächsischen Landeshauptstadt wurde am 10. Dezember 2014 und am 13. Juli 2015 in der Lebenshilfe gestreikt, seit Frühjahr 2013 seitens der Dienstleistungsgewerkschaft ver.di für einen Haustarifvertrag verhandelt. Ziel hier: Anlehnung an den Tarifvertrag für den öffentlichen Dienst (TVöD) der Kommunen. Gleichlautende Forderungen wurden bundesweit vielerorts in der Lebenshilfe aufgestellt und zu jener Zeit auch Versuche gestartet, sie mit befristeten und unbefristeten Streikmaßnahmen durchzusetzen.

Kampferfahrungen erst entwickeln

Die Lebenshilfe ist ein bundesweiter Eltern-, Fach- und Trägerverband, in dem sich lokale und rechtlich selbständige Selbsthilfevereinigungen zur Begleitung von Menschen mit geistiger Behinderung zusammengeschlossen haben. Eigenen Angaben zufolge verfügt sie über 16 Landesverbände in allen Bundesländern und 512 Orts- und Kreisvereinigungen mit rund 130.000 Mitgliedern. Sie hält rund 4.100 Dienste und Einrichtungen für Menschen mit geistiger Behinderung und ihre Familien vor; ca. 60.000 hauptamtliche und 15.000 ehrenamtliche Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind dort beschäftigt.

In der Behindertenhilfe gibt es keine Tradition von Arbeitskampferfahrungen; die oben skizzierten Entwicklungen sind relativ neu. Der gewerkschaftliche Organisierungsgrad ist unterschiedlich hoch, doch überwiegend gering. Betriebsräte, insofern vorhanden, spielen laut den Beschäftigten oftmals eher eine arbeitgeberorientierte Rolle. So auch in Frankfurt/Main.

Geringfügig Beschäftigte packen es an

Dort hatten sich 2014 geringfügig Beschäftigte in der Ambulanten Familienhilfe zu einer Initiative zusammengefunden, um sich über ihre Arbeitsbedingungen im Betrieb auszutauschen und Verbesserungen herbeizuführen. Ein halbes Jahr später schlossen sie sich der Basisgewerkschaft FAU Frankfurt/Main an, die 2015 Verhandlungen über einen Haustarif anstrebte und dafür Druck machte. Doch die Geschäftsleitung weigerte sich und holte sich stattdessen ver.di ins Boot.

Trotz aller Widrigkeiten, denen die Kolleg_innen fortan in ihrem Ringen ausgesetzt waren, lassen sich die Erfolge der Initiative wirklich sehen: Mittlerweile wird den rund 60 geringfügig Beschäftigten in der Ambulanten Familienhilfe 1,50 Euro mehr Lohn pro Stunde gezahlt. Oben drauf gibt’s nach einem Jahr Betriebszugehörigkeit noch einmal 0,50 Euro, sodass die Löhne nun zwischen zehn und 13,50 Euro liegen. Erhöht wurde auch der Urlaubsanspruch um 10 Tage, und zwar von 20 auf 30 Tage.

Rollen aufbrechen

Diskutiert wurde von den Gästen der Veranstaltung insbesondere die Frage, wie die eigene Haltung aufzubrechen sei. Denn die Vereinzelung der Beschäftigten, die sich zum Teil aus den Arbeitsstrukturen ergibt, aber auch allgemein aus gesellschaftlichem Bewusstsein resultiere, erschwere jedweden Austausch und damit ihre Organisierung. Einig waren sich die Beteiligten in einem: Die Art der beruflichen Beziehungsarbeit bringe ein Rollenverständnis hervor, welches am Ende das Verantwortungsbewusstsein für die Belange anderer Menschen über die eigenen stellt. Das Gefühl, jemanden „im Stich“ zu lassen, sobald zur Abwechslung auch mal die eigenen Bedürfnisse in Angriff genommen werden, überwiegt. Und verhindert, dass längst überfällige Verbesserungen errungen werden können. Dabei würden sich diese insgesamt positiv auf die Arbeit auswirken. Und damit auch auf die Klient_innen selbst. Arbeitgeber im sozialen Bereich machen sich diese moralische Zwickmühle, in der die Beschäftigten immer wieder feststecken, weidlich zunutze.

Mit Geduld und Spucke

Ein Kollege aus der Behindertenhilfe brachte die Streikfrage auf den Punkt: „Wenn ich Urlaub habe oder krank bin, muss auch jemand einspringen, den die Klienten nicht kennen. Warum soll ich dann nicht auch streiken können?“ Daneben wurden weitere Aktionsmöglichkeiten diskutiert, mit denen sich Druck auf die Arbeitgeber ausüben ließe. Unstrittig war hierbei die Gewinnung der Öffentlichkeit. Konsens bestand auch darüber, dass insbesondere die Angehörigen von Klient_innen gut als Bündnispartner_innen für die Belange der Beschäftigten zu gewinnen seien. Ebenso gute Erfahrungen wurden mit gewerkschaftlich orientierten Basisinitiativen gemacht. Differenziert wurde die Frage der Bündnisfähigkeit von Gliederungen der Zentralgewerkschaften diskutiert. Hierzu gab es sehr zwiespältige, andererseits auch keineswegs nur durchgängig negative Erfahrungen. Zum Knackpunkt, wie sich Vereinzelung und Isolierung aufbrechen ließen, wurde am Ende noch einmal auf vielfältige Möglichkeiten betrieblichen Organizings eingegangen. Denn ohne Geduld und Spucke lässt sich nirgends etwas erreichen.

fm

Weiterführende Informationen zum Arbeitskampf der FAU-Betriebsgruppe in der Lebenshilfe Frankfurt/Main findet ihr hier.