Suchst du noch oder wohnst du schon?

Handlungsspielräume Sozialer Arbeit in Zeiten der Ökonomisierung aller Lebensbereiche

Eigentlich ist es nicht überraschend, was das ARD Magazin Panorama am 23.06.2016 als Ergebnis einer Recherche veröffentlichte: 95,3 % der privaten Wohnungsneubauten sind für NormalverdienerInnen nicht bezahlbar. Der Wohnungsnot begegnet die Politik offensichtlich mit absolut unpassenden Mitteln. Dass die sogenannte Mietpreisbremse nicht vor Mietwucher schützt, war eigentlich schon vor ihrer Einführung klar. Sanktionen gibt es bei Verstößen nicht und die erlaubten 10% über den Vergleichsmieten garantieren natürlich auch kein stabiles Preisniveau.

Auch auf das zweite politisch forcierte Wundermittel gegen Wohnungsmangel ist anscheinend kein Verlass. Immer mehr Sozialwohnungen sollen gebaut werden. Das habe, da vertraue man dem Markt, niedrigere Mieten zur Folge. Ein absoluter Trugschluss, wie ein Blick auf die Zahlen verdeutlicht. Aber kommt das so überraschend? Natürlich lässt ein Investor hochpreisige Wohnungen bauen, 10 – 12 % Rendite sind ein klarer Anreiz. Wieso sollte sozialer Wohnungsbau entstehen, wenn die Gewinnspanne dabei deutlich geringer ist? Auf ein ethisches Bewusstsein bei Kapitalisten zu setzen, geht in aller Regel schief. Das ist eigentlich landläufig bekannt.

Die gesellschaftlichen Verheerungen, die der Mangel an preiswertem Wohnraum anrichtet, sind im Bereich Sozialer Arbeit ein handlungsbestimmender Faktor. Unübersehbar ist die Problematik in der Wohnungslosenhilfe. Theoretisch hat sie den Auftrag, Wohnungslose in eigenen Wohnraum zu vermitteln. Davon ist sie schon längst abgerückt. Eine Wohnung für Menschen zu finden, die arbeitslos, wohnungslos oder eine negative Schufa haben, ist praktisch aussichtslos. Wenn dann mal eine Person eine Wohnung anmieten kann, ist das für Einrichtungen der Wohnungslosenhilfe ein Erfolgserlebnis in der Größenordnung, als würden Weihnachten und Ostern plötzlich zusammenfallen.

Auch in anderen Feldern Sozialer Arbeit zeigt der knappe Wohnraum seine Auswirkungen. Die Jugendämter der Vorstädte haben alle Hände voll zu tun. Da es nur noch wenige Bezirke gibt, in denen gering Verdienende Wohnungen finden können, bilden sich Viertel von sozial Ausgegrenzten, ökonomisch nicht Verwertbaren und rassistisch Stigmatisierten. Ist es verwunderlich, dass es in perspektivlosen Familien in beengten Wohnverhältnissen zu Unzufriedenheit, Überforderungen und Konflikten kommt? Dem soll Bezirkssozialarbeit durch Familienhilfe und Erziehungsbeistände entgegenwirken. Doch was richten sozialpädagogische Methoden gegen eine zu kleine Wohnung, ein Beschäftigungsverbot geduldeter Flüchtlinge, rassistische Ausgrenzung oder einen ausbeuterischen Niedriglohnsektor aus?

Zur allgemeinen Teilhabe und Partizipationsmöglichkeiten beizutragen sollte ein Ziel jeder kritischen Sozialen Arbeit sein. Damit dieser Weg effektiv beschritten werden kann, müssen die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen stimmen. In diesem Sinne muss angemessener Wohnraum zu einem einforderbaren Recht werden und nicht länger vom Marktgeschehen abhängen. Wo es um Grundbedürfnisse geht, hat das Kriterium der Verwertbarkeit nichts zu suchen. Ein Schritt in diese Richtung würde auch Sozialer Arbeit Handlungsspielräume ermöglichen. Als Elendsverwalterin war sie nun wirklich lange genug tätig!

Mark Jansen (GGB Hannover)